Am 29. April 2026 veranstaltete der CTSi//circle.responsibleComputing im Rahmen der neuen Science Insight-Reihe des Responsible Tech & Society Forum seine erste Public Evening Lecture. Unter dem Titel „What counts as computer science? Examining epistemic cultures in computing and their consequences“ sprachen Univ.-Prof. Dr. Ben Wagner und PhD Gabriel Grill über die historisch gewachsenen Wissenskulturen der Informatik und deren gesellschaftliche Konsequenzen.

Die Veranstaltung brachte spannende Impulse aus Forschung und Praxis zusammen und regte zur kritischen Reflexion über die Rolle der Informatik in Gesellschaft und Wissenschaft an. Die Moderation übernahm Noah Pfander (CTSi).

Eine Aufzeichnung der Veranstaltung ist auf YouTube verfügbar.

Plakat zur Public Evening Lecture „What counts as computer science?“ am Campus der TU Wien

Über den Vortrag

Was gilt eigentlich als Informatik, und wer entscheidet darüber? Ben Wagner und Gabriel Grill näherten sich dieser Frage, indem sie Informatik als epistemische Kultur beschrieben, also als ein Wissenssystem mit spezifischen Praktiken und Kriterien dafür, was als legitimes und valides Wissen gilt. Sie zeigten, dass sich die Disziplin historisch zwischen unterschiedlichen Selbstverständnissen bewegt hat. Informatik erscheint dabei zugleich als formale Grundlagenwissenschaft, als Ingenieurdisziplin und als Impulsgeber für kognitionswissenschaftliche Entwicklungen. Diese konkurrierenden Perspektiven wirken bis heute fort und prägen maßgeblich, welche Forschungsfragen als relevant gelten und welche Methoden als angemessen angesehen werden.

Ein zentraler Schwerpunkt lag auf dem Konzept des Solutionismus, also der wiederkehrenden Annahme, dass technologische Innovationen gesellschaftliche Probleme grundsätzlich lösen können. Diese Vorstellung zieht sich von frühen Entwicklungen wie dem General Problem Solver aus dem Jahr 1957 bis hin zu gegenwärtigen Versprechen rund um Künstliche Intelligenz durch die Geschichte der Informatik. Zugleich wurde herausgearbeitet, dass diese Denkweise dazu tendiert, komplexe soziale und politische Fragestellungen auf technische Probleme zu reduzieren. Phänomene wie algorithmische Verzerrungen, Desinformation oder strukturelle Auswirkungen auf Arbeitsmärkte werden dabei häufig als rein technische Herausforderungen gerahmt, obwohl sie tief in gesellschaftlichen Kontexten verankert sind.

Auch der häufig formulierte Vorschlag, diesen Herausforderungen durch eine stärkere Verankerung von Engineering-Ethik zu begegnen, wurde kritisch eingeordnet. Die Referierenden verwiesen darauf, dass ethische Ausbildung in der Informatik bislang nur unzureichend institutionalisiert ist und in einem erheblichen Teil der Studienprogramme keine verpflichtende Rolle spielt. Darüber hinaus zeigt die empirische Praxis, dass selbst bei gravierenden Fehlentwicklungen individueller Technologien nur selten klare Formen der Rechenschaftspflicht greifen, sodass strukturelle Probleme durch individuelle Ethikansätze nur begrenzt adressiert werden können.

Abschließend entwickelte der Vortrag eine konstruktive Perspektive auf die gegenwärtige Situation der Disziplin. Informatik wurde als ein Feld beschrieben, das durch eine ausgeprägte epistemische Flexibilität gekennzeichnet ist und seine Grenzen kontinuierlich erweitert. Diese Fähigkeit zur Anpassung und Expansion trägt wesentlich zur gesellschaftlichen Bedeutung des Fachs bei. Gleichzeitig eröffnet sie aber auch die Möglichkeit, alternative epistemische Perspektiven stärker zu integrieren. Vor diesem Hintergrund plädierten Wagner und Grill für eine systematischere Verankerung von Verantwortung, Rechenschaftspflicht und interdisziplinären Zugängen. Die leitende Frage lautete dabei, wie sich die epistemischen Kulturen der Informatik künftig erweitern und pluralisieren lassen, um den komplexen Anforderungen einer zunehmend digital geprägten Gesellschaft gerecht zu werden.

Über die Vortragenden

Ben Wagner:

Porträtfoto von Ben Wagner

Ben Wagner ist University Professor of Human Rights and Technology an der IT:U, Direktor des AI Futures Lab an der TU Delft und Professor of Media, Technology and Society an der Inholland. Seine Forschung konzentriert sich auf die Governance sozio-rechtlicher Systeme, Meinungsfreiheit im Internet und die Regulierung von Technologie. Er ist außerdem Mitglied des Beirats der datenwissenschaftlichen Fachzeitschrift Patterns , des Responsible Technology Institute der Universität Oxford sowie des Centre for Democracy & Technology Europe .

Zuvor war Ben Wagner Gründungsdirektor des Center for Internet & Human Rights an der Europa-Universität Viadrina, Direktor des Sustainable Computing Lab an der Wirtschaftsuniversität Wien und Mitglied der Beratungsgruppe der European Union Agency for Network and Information Security (ENISA). Er hat an der European University Institute in Florenz in Political and Social Sciences promoviert.

Gabriel Grill:

Porträtfoto von Gabriel Grill

Gabriel Grill, PhD, ist Forscher zu KI und digitaler Souveränität an der Interdisciplinary Transformation University Austria (IT:U), wo er Teil der Human Rights and Technology group ist, sowie Gastforscher an der TU Delft. Er hat an der University of Michigan in Information Science and Science and Technology Studies promoviert und einen Master in Logic and Computation der TU Wien. Seine Arbeit zu Technologiepolitik und Folgenabschätzung – zu Themen wie dem AMS-Algorithmus, Social-Media-Überwachung und den trügerischen Versprechen generativer KI – wurde in parlamentarischen Technikfolgenabschätzungen in ganz Europa, in NGO-Berichten (Human Rights Watch, Epicenter.Works, Coworker.org ) sowie in Medien wie Wired, Futurezone und Der Standard zitiert.

Bildnachweis: © CTSi 2026 (Plakat), © Complexity Science Hub Vienna 2026 (Ben Wagner), © Tereza Østbø Kuldova 2020 (Gabriel Grill)

Ausblick und Aufzeichnung

Die Veranstaltung machte deutlich, dass Informatik nicht nur eine technische Disziplin ist, sondern tief in gesellschaftliche, politische und kulturelle Fragestellungen eingebettet bleibt. Gleichzeitig wurde hervorgehoben, wie entscheidend interdisziplinäre Ansätze sind, um den komplexen Herausforderungen einer digital geprägten Gesellschaft angemessen zu begegnen. Damit greift die Veranstaltung zentrale Anliegen des CTSi auf, das den Dialog zwischen technologischer Innovation und gesellschaftlicher Verantwortung fördert. Die diskutierten Fragen zu Digitalisierung, Verantwortung und Interdisziplinarität spiegeln zugleich mehrere strategische Schwerpunkte der TU Wien wider, insbesondere die Förderung der digitalen Transformation, innovativer Forschungskulturen sowie den Austausch von Wissen und Methoden über Fachgrenzen hinweg. Indem unterschiedliche wissenschaftliche Perspektiven zusammengeführt und ihre gesellschaftlichen Auswirkungen reflektiert werden, leistet das Format einen Beitrag zur Entwicklung verantwortungsvoller Technologien mit langfristigem gesellschaftlichem Impact. Durch die Einbindung international renommierter Forschender wurde darüber hinaus die Vernetzung mit internationalen Wissenschaftscommunities gestärkt und die Sichtbarkeit der TU Wien erhöht.