Unter dem Titel „Die (R)evolution sozio-technischer Hybride“ luden die drei österreichischen technischen Universitäten TU Wien, TU Graz und Montanuniversität Leoben im Verbund der TU Austria zur Diskussion von Lösungsansätzen humanistischer Technologieentwicklung.

Im Rahmen der laufenden TEC Days organisierte das Center for Technology & Society (CTS) die TU Austria Content Session bei Europäischen Forum Alpbach. Thema am Freitagvormittag war die zunehmende Verschmelzung von Mensch und Technologien kritisch aus unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten, Lösungsansätze zu diskutieren und Strategien für die Gestaltung der unumgänglichen (R)evolution der sozio-technischen Hybride zu erarbeiten.

Die fortschreitende Digitalisierung der Gesellschaft bedingt eine zunehmende Verschmelzung von Mensch und Technologien. Dadurch entstehen sozio-technische Hybride, die eine kritische Auseinandersetzung notwendig machen. Die Herausforderung besteht darin zukünftige technologische Innovationen zur Lösung globaler Probleme einzusetzen, ohne dabei den Menschen selbst aus dem Fokus zu verlieren. Technologien wie Artificial Intelligence, Big Data und algorithmische Entscheidungsfindung bis hin zu konkreten Anwendungen wie autonomem Fahren, der Smart City und der Digitalisierung der Verwaltung haben enormes Potential. Um dieses jedoch sicher, nachhaltig, gerecht und wertebasiert zu nutzen, braucht es transdisziplinäre und branchenübergreifende Diskurse.

Die Welt aus Bits und Bytes

Ben Wagner, Leiter des AI Futures Lab der TU Delft, eröffnete die Session mit seiner Keynote „Der Boden unter unseren Füßen?“. Er betonte darin, dass wir bereits in einer Welt soziotechnischer Hybride leben und keine andere Wahl haben, als uns mit diesen Hybriden auseinanderzusetzen. Fragen von Macht, Regulierung und menschlicher Autorität werden direkt von soziotechnischen Systemen beeinflusst, die nur bedingt neutral sind. Digitale Informationen scheinen objektiv, sind das aber oft nicht bzw. haben einen oft nicht direkt erkennbaren politischen Hintergrund. Um Gesellschaften erfolgreich zu entwickeln, gilt es diese Systeme menschlicher zu machen, das politische Element dieser Systeme zurückzugewinnen und als Gesellschaft zu reagieren.

Wünschenswerte technologische Zukunft

Daran knüpfte auch der Talk mit Christopher Frauenberger von der Paris Lodron Universität Salzburg an. Technologie hat längst großen Einfluss auf die Gesellschaft und trägt zu deren weiterer Transformation bei. Technologie hat schon immer die Machtverhältnisse unterstützt, wobei sie nicht gut oder böse ist, jedenfalls aber nicht neutral. Damit ist technologische Innovation auch Teil der politischen Arena und muss demokratisch, ebenso aber ökologisch gesteuert werden, um Systeme über rein menschliche Bedürfnisse hinaus zu schaffen und eine erstrebenswerte Zukunft zu ermöglichen.

Arbeiterkammer-Expertin Astrid Schöggl bestätigte die politische Relevanz von Technologien und betonte, dass sich vor allem die Frage stellt, wer diese Rahmenbedingungen schafft. Digitalisierung führt zu Phänomenen wie der „dislozierten Arbeiter_innenklasse“. Arbeitnehmer_innen sind also weltweit verstreut und haben dadurch wenig Möglichkeit, sich zu organisieren und vernetzen. Auch Algorithmen, die bspw. Streiks voraussagen, wollen sind kritisch zu betrachten bzw. stellt sich die Frage, wie ein klassischer Streik im digitalen Umfeld aussehen kann.

Lets talk about …

Die Frage zur Entwicklung von Gesellschaft, Technologie und der gegenseitigen Beeinflussung, ebenso wie die Frage wie individuell und kollektiv Widerstand in einer digitalisierten Umwelt funktionieren kann, bedingt eine multidisziplinäre Diskussion. So war auch das Podium der abschließenden Diskussionsrunde mit Vertreter_innen aus Wissenschaft, Verwaltung, Industrie und Wirtschaft besetzt. Henriette Spyra (Bundesministerium Klimaschutz, Umwelt, Energie, Mobilität, Innovation und Technologie), Petra Schaper-Rinkel (Universität Graz), Roland Sommer (Verein Industrie 4.0) und Hilda Tellioğlu (CTS) diskutierten moderiert von Anna Franzkowiak (CTS) mit dem Publikum mögliche Szenarien und Ansätze, wie Innovation, Verwaltung, Industrie und Wirtschaft zur gesellschaftlichen Entwicklung beitragen können und wie Technologien hierfür eingesetzt werden sollen. Das Podium kam zur gemeinsamen Ansicht, dass passende Prozesse definiert und laufend weiterentwickelt werden müssen, die den Zweck und nicht die Mittel im Fokus haben. Wesentlich dabei ist die Zusammenarbeit der verschiedenen Bereiche, der Austausch zu Bedürfnissen und Wünschen, um ein Bewusstsein zu schaffen, dass zur technologischen Entwicklung immer und von Beginn an die Auseinandersetzung mit den möglichen Konsequenzen gehört. Aktiv werden muss den jede/r Einzelne, auch wenn Strukturen und Systeme das nicht immer leicht machen. Wesentlich somit die Schaffung eines Mindsets, dass akute Problemlösung und langfristige Entwicklung erlaubt.

„Für die Menschen der Zukunft“

Oft wird progressive Technologieentwicklung technikorientiert bzw. technikfokussiert durchgeführt, um große Sprünge in der Innovation zu schaffen. Solche techno-deterministischen Zugänge zur Lösung sozialer Probleme greifen nachweislich zu kurz und tragen die Gefahr in sich, Technologien an der Gesellschaft vorbeizuentwickeln. Ein rein passives Verständnis von Technik als emergentes Phänomen eines gesellschaftlichen Wandels steht wiederum einer aktiven Innovationspolitik und -strategie im Wege. Der Kern eines richtungsweisenden, humanistischen Ansatzes zur Entwicklung intelligenter und sozial verträglicher Technologien muss also vielmehr ein holistischer Zugang zu Innovationsentwicklung von und für sozio-technische Hybride sein. Was bleibt ist die Frage: Wer wollen wir sein und welche Technologien brauchen wir, um diese Visionen auch tatsächlich gemeinsam umzusetzen.