Am 23. Juni 2026 fand das diesjährige CTSi//midsommar.2026 im Böcklsaal der TU Wien statt und brachte Teilnehmer:innen aus Forschung, Bildung und Praxis zu einem gemeinsamen Nachmittag des Austauschs zusammen. Inhaltlich stand die Veranstaltung im Zeichen der Frage, wie soziale Innovation im Kontext von Künstlicher Intelligenz und zunehmend agentischen Systemen gestaltet werden kann.

Ein zentrales Highlight war die Keynote von Ben Wagner , Universitätsprofessor für Human Rights and Technology an der IT:U, Direktor des AI Futures Lab an der TU Delft sowie Professor für Media, Technology and Society an der Inholland und ausgewiesener Experte für Technologiepolitik, digitale Governance und Menschenrechte. In seinem Vortrag stellte er die grundlegende Frage, wer an der Entwicklung von Technologien und KI beteiligt ist und welche Perspektiven dabei berücksichtigt werden. Er argumentierte, dass derzeit häufig ähnliche Akteursgruppen technologische Entwicklungen prägen und damit bestimmte Formen der Technologie reproduziert werden. Daran anknüpfend betonte Wagner, dass nicht nur die Einbindung vielfältiger Stakeholder entscheidend ist, sondern auch die zugrunde liegenden Governance-Strukturen reflektiert werden müssen. Unterschiedliche Formen von Governance und Partizipation können zu unterschiedlichen technologischen Ergebnissen führen und maßgeblich beeinflussen, wie Innovation ausgestaltet wird.

Die anschließende Paneldiskussion griff diese Perspektiven auf und erweiterte sie um institutionelle, bildungspolitische und gesellschaftliche Fragestellungen. Unter der Moderation von Anna Franzkowiak, Leiterin des CTSi, diskutierten:

  • Ben Wagner - Experte für Technologiepolitik, digitale Governance und Menschenrechte,

  • Sabine Seidler - Perspektive auf Diversität im MINT-Bereich sowie Hochschul- und Wissenschaftspolitik; MINT-Beauftragte der Stadt Wien, langjährige Stimme für verantwortungsvolle Technikgestaltung und ehemalige Rektorin der TU Wien,

  • Heimo Sandtner - Perspektive auf angewandte Technik, Third Mission und Forschungsmanagement; Rektor der Hochschule Campus Wien, Fokus auf Innovation, Forschung und Hochschulentwicklung,

  • Hilda Tellioğlu - Vertreterin für partizipative, sozial eingebettete Technikgestaltung; wissenschaftliche Leiterin des CTSi, Professorin und Expertin für sozio-technische Systeme und partizipative Innovationsprozesse, Studiendekanin für Informatik der TU Wien.

Diskutiert wurde unter anderem die Notwendigkeit einer starken europäischen Perspektive im internationalen Wettbewerb rund um Künstliche Intelligenz, da einzelne Länder oder Institutionen den aktuellen Entwicklungen nur begrenzt alleine begegnen können. Eine übergreifende und gebündelte Zusammenarbeit ist hierbei zielführend, z.B. durch gemeinsame Infrastrukturen – ein Ansatz, der sich auch in der Beteiligung der TU Wien an europäischen Hochschulallianzen wie EULiST widerspiegelt. Eine solche fächer- und länderübergreifende Zusammenarbeit ist nicht nur in der Wissenschaft wegweisend, sondern besonders auch in Wirtschaft, Verwaltung und der Gesellschaft essenziell für unsere Zukunftsgestaltung. Genau hier setzt das CTSi an: als Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Gesellschaft, die Technologieentwicklung kritisch begleitet und im Sinne der TU-Wien-Mission “Technik für Menschen” mitgestaltet.

Ebenso wurde die Rolle der Hochschulen thematisiert, insbesondere im Hinblick auf Lehre und Kompetenzvermittlung im Umgang mit KI. Dabei wurde betont, dass neben dem Zugang zu schnell verfügbarem Fachwissen vor allem die Förderung des kritischen Reflexionsvermögens an Bedeutung gewinnt - jenes faktenbasierte, vernunftgeleitete Denken, das die TU Wien mit ihrem Leitsatz ‘(Where) We Dare to Reason’ als Kernhaltung versteht. Ein wiederkehrendes Thema der Diskussion war zudem die Frage gesellschaftlicher Teilhabe an technologischer Entwicklung: Wie kann verhindert werden, dass bestehende Zugangsbarrieren – etwa für Frauen oder bildungsferne Gruppen in MINT-Feldern – sich durch KI und agentische Systeme erneut verschärfen statt abgebaut zu werden? Das Panel war sich einig, dass Diversität dabei nicht nachgelagert, sondern von Beginn an in Governance- und Bildungsstrukturen mitgedacht werden muss.

Mit diesem Fokus auf Reflexions- und Gestaltungskompetenz im Umgang mit KI knüpft das CTSi an das strategische Ziel der TU Wien an, Data Literacy und KI-Kompetenz universitätsweit zu verankern – nicht als rein technische Fertigkeit, sondern als Voraussetzung dafür, dass Forschende, Lehrende und Studierende KI- und agentische Systeme aktiv mitgestalten, statt sie nur zu nutzen. Wie genau diese Gestaltungskompetenz in der Praxis aussehen kann, zeigten im Anschluss drei Doktorand:innen des mit dem CTSi//circle.didactics initiierten Doktoratskollegs STE[A+]M (STEAM – STEM – stART ’em), das innovative und inklusive Ansätze an der Schnittstelle von Informatik, Technik, Kunst und Pädagogik erforscht:

  • Olivia Fischer präsentierte ihre Arbeiten zu EduLarp (= Educational Live Action Role Playing) als partizipativer Methode in der Informatikausbildung und im Human-Computer Interaction Kontext. Im Fokus stand dabei insbesondere die gemeinsame Gestaltung von Lernformaten mit Lehrenden und Schüler:innen, um Kreativität, Zusammenarbeit, Empowerment und intrinsische Motivation zu fördern sowie neue Zugänge zu Computer Science Education zu eröffnen.

  • Gerfried Mikusch gab Einblicke in seine Forschung zu partizipativen Designansätzen im Bereich der Umweltbildung. Anhand von Workshops mit Schüler:innen zeigte er, wie kontextbezogene Umwelt-Sensoren gemeinsam entwickelt werden können, um Umweltphänomene verständlich zu machen und individuelle Zugänge zu Daten sowie deren Visualisierung zu fördern.

  • Anastasiya Savran ergänzte das Programm um eine Perspektive aus der Kunstpädagogik innerhalb des STEAM-Kontexts und zeigte, wie ästhetische Bildung und gestalterische Prozesse in Verbindung mit MINT-Themen neue Lern- und Erfahrungsräume eröffnen können.

Im Anschluss an das inhaltliche Programm wurde der Austausch in informeller Atmosphäre fortgesetzt. Die Veranstaltung bot Raum, Diskussionen zu vertiefen, neue Kontakte zu knüpfen und gemeinsame Ideen weiterzuentwickeln. Die sommerliche Atmosphäre unterstrich den offenen und vernetzenden Charakter des CTSi//midsommar und machte deutlich, wie wichtig solche Formate für den Dialog an der Schnittstelle von Technologie und Gesellschaft sind, um fächer- und institutionenübergreifend erfolgreich zusammenzuarbeiten.

Dass diese Diskussion gerade in Wien stattfand, ist kein Zufall: Als urbane Technische Universität versteht die TU Wien die Stadt selbst als Labor für technologisch-soziale Innovation – ein Anspruch, den auch die MINT-Initiative der Stadt Wien verfolgt, in der Sabine Seidler als MINT-Beauftragte aktiv ist.

Wir danken allen Teilnehmer:innen für ihr Kommen und die inhaltlichen Impulse und freuen uns auf die Fortsetzung des gemeinsamen Austauschs.

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